Gedanken zum Herbst

Herbst

Herr es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; / gib ihnen noch zwei südlichere Tage, / dränge sie zur Vollendung hin und jage / die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Herbststag, 1902

Ok, ok, ich weiß. Rilke schon wieder. Ich konnte nicht widerstehen. Er ist mein Lieblingsdichter. „Der Sommer war groß“. Oh ja, dieser Sommer war groß. Mein Kopf ist voller sonnendurchfluteter Bilder von heißen Tagen, pinken Sommerkleidern, goldenen Sandalen und fauler Nachmittage.

Und jetzt? Die Bäume sind schwer voller goldener, brauner und beiger Blätter, die den Wald und die Wege schmücken. Nebel liegt morgens in den Tälern. Wenn ich auf den Feldberg fahre, fühlt es sich an, als würde ich einen Märchenwald betreten. Gleich tritt Schneewittchen aus dem Wald, und ich muss unbedingt ihren tiefroten Lippenstift haben.

Irgendwie fühlt es sich an als hätte ich seit Jahren den Wandel der Jahreszeiten nicht mehr so bewusst erlebt, als wäre ich seit Jahren nicht mehr mit offenen Augen durch den Wald gegangen. Vielleicht war es ja auch so.

Herbst ist die Zeit des Wandels. Tweed-Jacken und cognacfarbene Reitstiefel dominieren meinen Kleidungsstil. Meine Haut schreit nach gehaltvoller Pflege. Kupferfarbene Kürbisse schmücken mit goldenen Pilzen meinen Esstisch. Ich will wachsen, lesen und viele „Whats-App“ schreiben.

Schmerzhaft sage ich meinem tollen Sommer ade. Der Herbst ist da. Lang lebe der Herbst.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.