Die Aschenputtel-Experience – eine Fashion Show

Fashion Show

Kurztrip nach Köln…

Es ist Freitag und ich habe Pläne. Um 16.30 schließe ich meinen Job-Laptop und springe in die Dusche. Die letzen Sachen werden in den Weekender geschmissen, schnell Make-up und Kleidung angelegt.

Ich bin zu einer Fashion Show eingeladen. Ihr werdet euch jetzt wundern. Nein, es ist keine klassische Show eines einzelnen Designers, sondern hier veranstaltet eine Boutique eine Fashion Show, um ihre neue Herbst-Kollektion vorzustellen. Das ist eine alte Tradition, in der die feinen Geschäfte einer Stadt z.B. Goethestraße ihre gehobenen Stammkunden einlud, damit die Damen ihre Ausstattung für die neue Saison aussuchen konnten. Eine alte Tradition, die mit den Boutiquen ausstirbt, die den individuellen Charme einer innerstädtischen Ladenzeile ausmachen. Mittlerweile findet man überall das gleiche Bild. Egal ob Paris, London oder Mailand überall finde ich nahezu die gleichen Läden und das ist langweilig.

Unsere Zeit ist eine Zeit des scheinbaren Individualismus und gleichzeitig großer Konformität…

Aber zurück zum Thema. Ich sitze also in meinen Zara-Klamotten (Ja, schuldig im Sinne der Anklage 😉 ) im Auto. Die Einladung verdanke ich meiner Schwiegermutter. Ich bin aufgeregt und freu mich. Allerdings weiß ich nicht so recht, ob ich wirklich etwas für mich finden werde. Auf der anderen Seite will ich mich ja etwas erwachsener geben. Mein Mann nennt meinen Kleidungsstil Freaky-Combination-Style. Und da ich am letzten Wochenende die Straße an meinem Haus gekehrt habe und mir wahnsinnig erwachsen vorkam, wird es wohl Zeit den Freaky-Combination-Style etwas erwachsener zu gestalten. Also Grown-up-Freaky-Combination?  … Mal sehen. Auf jeden Fall kommt die Einladung zum perfekten Zeitpunkt.

Auf der Fashion Show…

30 Minuten bevor es losgeht, betreten wir die Wolkenburg in Köln.

http://www.wolkenburg.de/de/

Für mich prägt eine Location ganz wesentlich den Charakter eines Events. Eine Location unterstreicht die Aussage, die ich erzielen möchte. Und hier passt es für mich zur Aschenputtel-Experience. Der Innenhof ist mit weiß bespannten Stehtischen geschmückt, alles ist ein kühles lila Licht gehüllt. Überall stehen geschmackvoll gekleidete Menschen, die sich ruhig unterhalten. In der Mitte liegt ein Teppich, der mich zum Haupteingang führt.

Im großen Festsaal, heller Parkett, Stuck an der Decke, große Kronleuchter findet das Event statt.

In der Mitte liegt als großes U ein roter Teppich, drum herum stehen in zwei Reihen Stühle in weißen Hussen auf denen Kärtchen liegen. Ich blicke mich neugierig um. Die Karte enthält Nummern, die die einzelnen Kollektionsstücke repräsentieren mit der Möglichkeit sich Notizen zu machen. Die zweite Karte ist jeweils mit einem Namen bedruckt. Es gibt also eine Sitzordnung. Sehr schön.

Da wir noch Zeit haben stellen wir uns wie alle anderen in den Vorraum und genießen ein Glas Champagner. Enttäuscht stelle mein Mann und ich fest, dass es keine Häppchen gibt.

Ich hab Hunger und esse an sich viel zu gerne. Hab ich eigentlich erwähnt, dass Frederik, mein innerer Schweinehund, gerade die Macht inne hat. Zugegebenermaßen liegen wir gerade sehr gerne gemeinsam auf der Couch und versuchen die Netflix-Bibliothek leer zu schauen, aber trotzdem. Er ist wohl schuld.

Nach und nach strömen die Besucher in den Hauptraum und besetzen ihre Plätze. Ich nehme ebenfalls Platz und nutze die Gelegenheit mir das Publikum anzuschauen und bin erstaunt. Diese Damen haben Geld. Sonst wären Sie nicht hier eingeladen und zweifelsohne sind ihre Klamotten nicht von Zara, so wie bei anderen Personen, deren Namen wir hier gar nicht erwähnen wollen, aber ihr Stil ist dezent geschmackvoll. Würde ich Ihnen auf der Straße begegnen, ich würde wohl nicht vermuten, dass mir hier die feinen Damen der besseren Gesellschaft begegnen. Andererseits, was hatte ich erwartet? 🙂

Die Handetasche muss leben …

Musik fängt leise an zu spielen, ein Mann mit Mikrofon tritt in die Mitte und begrüßt die Anwesenden. Er gibt einen allgemeinen thematischen Überblick über die Trends der Saison. Dann öffnet sich der Vorhang am Ende des Saals und die ersten vier Models treten ein.

Ich hatte die Befürchtung, dass ich nichts finden würde, was mir gefällt, die Befürchtung dreht sich, dass dieser Vorhang doch aufhören soll, ständig schöne Dinge preiszugeben. Ich habe mir ein großzügiges Budget gesetzt, dass ich nicht überschreiten will. Das wird eine Herausforderung werden.

Zum Rhythmus der Musik schreiten jeweils zwei Models an den zwei Flügeln des U vorbei. Sie laufen elegant hin und her und lächeln freundlich. Ich versuche gleichzeitig einen Gesamteindruck zu bekommen, ebenso wie mir einen Eindruck vom Schnitt, Stoff und Farbe der Einzelelemente zu bekommen. Die Kunst besteht darin das Dargestellte zu zerlegen und dahin gehend zu bewerten, was eine sinnvolle Ergänzung zum existierenden Kleiderschrank darstellt oder nimmt man gleich das ganze Outfit. Ich, olle Streberin, mache mir fleißig Notizen in meinen Zettel. Die Damen um mich herum tuscheln aber genießen. Offensichtlich sind sie deutlich geübter als ich und beobachten mit einer souveränen Eleganz.

Im Laufe des Abends bewundere ich wunderschöne Capes, Cashmere-Pullover, Ponchos und bedruckte Tücher.

Die Farben reichen von creme über orange bis hin zu Hahnentritt und schwarz. Irgendwann schwirrt mir der Kopf und ich habe vergessen, was ich am Anfang gesehen habe.

Einblicke im Amadeus-Saal

Nach der Modenschau verbleibt man noch kurz im Saal, bespricht das Geschehene, begrüßt den einen oder anderen, den man vorher nicht gesehen hat.

Wir gehen nach einer Weile hinunter in den Amadeus-Saal, wo vereinzelte Gäste noch zum Abendessen eingeladen sind.

Der kleine Saal ist geprägt von tiefdunklem Holzdielenboden und dunkler Holzverkleidung. Dem entgegen stehen Tische mit weißen Tischdecken und cremefarbenen Stuhlhussen, die edel gedeckt sind. Wir nutzen die kurze Pause im Innenhof zu flanieren. Es ist ein warmer Sommerabend, einer der letzten, und genießen die Atmosphäre.

Später finden wir uns am Tisch ein um ein Abendessen zu genießen. Es gibt Lachs und Kartoffelrösti als Vorspeise, Butterfisch an Hummersauce als Hauptgang und eine Dessert-Variation zum Abschluss. Jedoch das beste ist die Tischgesellschaft.

Ich habe das Vergnügen mich mit einem Ehepaar zu unterhalten, sie Designerin, er Geschäftsmann. Wir unterhalten uns über die aktuelle Marktsituation und die damit verbundenen Herausforderungen. Auch der Modemarkt befindet sich im Wandel. Auf der einen Seite der starke Online-Absatzmarkt, die großen Ketten wie z.B. P&C oder auch die Handelsmarken wie Zara oder H&M. Ich hätte gedacht, dass das Premiumsegment hierin gut dasteht aufgrund seines klaren Qualitätsvorteils. Aber insbesondere Zalando & Co verändern wie der Markt funktioniert. Auch ich schoppe sehr gerne im Premiumbereich von Zalando. Es ist bequem. Aber das führt dazu, dass sich Inhaber-geführte Geschäfte immer schwerer behaupten können. Hier habe ich aber ein klares Bild. Wenn ich im stationären Handel kein Beratungserlebnis habe, weil mir schlecht ausgebildete desinteressierte unfreundliche Verkäuferinnen begegnen, dann kann ich auch gleich bequem von zu Hause kaufen.

Shopping am nächsten Tag

Es ist drei Uhr bis wir im Bett liegen. Dafür kann ich aber seit langem mal wieder ausschlafen. Durch die Hunde bin ich immer auf sechs Uhr getaktet selbst an Wochenenden. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich bin um sieben Uhr hellwach.

Wir frühstücken entspannt und fahren dann zur Boutique. Wir sind nicht die einzigen. Viele Besucher des gestrigen Abends geben nun ihre Bestellung auf. Auf einen Schlag wird die gesamte Ausstattung für eine Saison bestellt.

Die Boutique hat zur rechten einen großzügigen Ankleidebereich, an der Seite einen Wartebereich, wo kleine Häppchen und Champagner bereit stehen. An den Wänden sind Regale und Schränke, wo die Ware bereit steht. Aber es gibt keine klassische Auslage. Dies ist kein Laden in dem flaniert und sucht. Hier geht man hinein, wird beraten und bekommt die geeigneten Stücke in den Ankleidebereich gebracht – Ein Einkaufserlebnis komplett auf Beratung ausgerichtet.

Und gerade bei den langjährigen Stammkunden ist das ein Einkaufserlebnis deluxe. Da kommen die Verkäuferinnen schon mit Hinweisen, dieses und jenes würde toll zu dem passen, was die Kundin bereits im Kleiderschrank hängen hat. Und sie wissen genau, was der Kundin steht und was nicht.

Mein Mann und meine Schwiegermutter nehmen in den bequemen Sesseln platz und unterhalten sich, während ich mich im Ankleidebereich wieder finde. Ich beginne das Gespräch mit der mir zugewiesenen Stylistin (Verkäuferin würde ihr nicht gerecht werden) mit all den Dingen, die mir auf der Fashion Show zu gut gefallen habe. Nach und nach bringt sie mir noch andere Dinge. Eine graue Jeans mit einem grau-weiß gestreiften Pulli, eine dunkelgrau-grüne Hose mit einem orangenen Pulli, eine sehr feine weiße Bluse usw. Das meiste davon hätte ich mir selbst nicht ausgesucht. So begebe ich mich ganz in ihre Hand, ziehe brav die Sachen an, die man mir reicht, gehe raus präsentiere mich meiner Familie, die klatscht, ablehnt usw. Es macht richtig Spaß. Ich suche viele wunderschöne tolle Sachen. Ab und zu werfe ich in der Ankleidekabine einen verstohlenen Blick auf die Preise. Es bewegt sich im erwarteten Bereich.

Zum Schluss …

Als ich fertig bin und nur weil ich nicht mehr kann und auch nicht mehr will, ist meine Schwiegermutter mit Aussuchen dran. In der Zeit sitze ich in den bequemen Loungesesseln und genieße die Schnittchen und Wasser. Alkohol hätte mich jetzt komplett geplättet.

Am Ende bekomme ich alles präsentiert, was ich ausgesucht habe und wähle aus, was ich nehme und was nicht. Meine sehr liebe Schwiegermutter schenkt mir eine Hose und zwei Pullover von den ausgesuchten Sachen. (Ich habe eine ganz tolle Schwiegermutter und nicht nur, weil sie mir die Sachen geschenkt hat. Sondern weil sie ein ganz lieber Mensch ist. Man darf auch mal Glück im Leben haben.)

Den Rest bezahle ich und schaffe mein gesetztes Budget zu halten und gehe mit gefüllten Tüten nach Hause. Ein tolles Einkaufserlebnis. So müsste es immer sein, so würde ich ganz oft in Läden einkaufen gehen anstatt alles im Internet zu bestellen.

Ich hab mich wie Aschenputtel gefühlt für einen Tag. Und im Gegensatz zu Aschenputtel hat nicht irgendein Prinz meine Rechnung bezahlt, sondern ich selbst.

Schade, dass  Traditionen wie Boutique Fashion Shows zunehmend aussterben.

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